Mit einer bestimmten Handbewegung schob die Frau unvermittelt den Vorhang beiseite. Sie war etwa 20 Jahre alt und in den typischen indischen Sari gehüllt. Sie starrte mich an. Kurz flackerte ihr Blick, dann festigte er sich. Ihr Körper straffte sich und mit drei schnellen Schritten hatte sie den Raum durchquert. Sie warf sich auf einen der herrenlosen Plastikstühle, der in einem früheren Leben wahrscheinlich mal weiß gewesen war, jetzt aber in ein schmutziges grau gehüllt war, als wäre er die Versinnbildlichung Kalkuttas. Sie verschränkte die Arme, schob das Kinn herausfordernd vor und blickte mich an. Etwas stimmte nicht.
Etwas verloren stand ich neben meinem Stuhl und war beim Auspacken meiner Arbeitsmittel unterbrochen worden. Ich blickte die Frau so fragend an, wie sie mich provozierend anstarrte. Gehörte sie zum Team, war sie Patientin? Plötzlich fiel mir auf, was mich störte: Sie lümmelte auf dem Stuhl wie ein bockiger Halbwüchsiger beim Rektor, etwas den Hintern nach vorne geschoben, die Beine nicht züchtig zusammen sondern weit zur Seite fallend. Indische Frauen sitzen nicht so.
Noch ehe ich sie ansprechen konnte, schlüpfte eine zweite Gestalt durch den Vorhang. Diese Frau war deutlich älter und ähnlich gekleidet, benahm sich jedoch völlig anders: Mit einer Mischung aus Entsetzen, Unterwürfigkeit und Scham trippelte sie mit kleinen Schritten zu der jungen Frau und warf mir dabei immer wieder Blicke zu, die nach Entschuldigung schriehen. Sie wirkte, als würde sie am liebsten hier und jetzt im Boden versinken. Bei der jungen Frau angekommen fing sie an, diese mit einer nicht enden wollenden Tirade auf Bengali zu beschimpfen (zumindest hörte es sich so an) und zog sie am Arm. Diese wiederum sprang auf, schlug nach der Hand der Alten und fing ihrerseits an zu schimpfen. Mir standen zwei Frauen gegenüber, die sich in einer mir fremden Sprache ankeiften. Meine Versuche, auf Englisch zu erfahren, was los ist, wurden ignoriert. Wo war eigentlich meine Übersetzerin?
Liebe Coronarier,
ich grüße Euch aus Howrah. Aktuell sitze ich auf dem extrem bequemen WG-Sofa in der Küche und warte auf das Abendessen, welches wie in jeder anständigen Seniorenresidenz jeden Tag zur gleichen Zeit eingenommen wird (nämlich um 19 Uhr). Nach zweieinhalb Wochen in Kalkutta haben sich auch mein restlichen Körperfunktionen synchronisiert inklusive Verdauungsfunktion und Schlafrhythmus. Im Hof spielen die Kinder der Tuberkulosestation, die Straße besticht wie immer durch eine hupende Kakophonie.
Ich bin derzeit erkältet, das passiert hier jedem neuen Arzt, unsere sensiblen Lungen sind die Keime und den Staub einfach nicht gewöhnt. Das Coronavirus hat zwar seinen Weg nach Indien genommen, aber bis es in Howrah angekommen ist, wird es sicherlich noch etwas dauern, da die Stadt einerseits nicht gerade Touristenziel Nummer eins ist und andererseits wenige Bewohner Howrahs sich eine Reise in andere Städte leisten können, von anderen Ländern ganz zu schweigen.
Inzwischen habe ich mich an die Arbeit in den Ambulanzen gewöhnt. Der Tag beginnt für mich um 6.45 Uhr. Nach einer mehr oder weniger warmen Dusche treffe ich meine vier Kollegen beim Frühstück. Um sieben stößt der Langzeitarzt Tobias dazu, der dann schon knapp eine Stunde von seiner Unterkunft zum Howrah South Point (unserer Unterkunft) unterwegs war. Zum Frühstück gibt es jeden Morgen die typischen Chapati mit Banane und ein Spiegelei. Ich habe mir außerdem Haferflocken gekauft, um etwas Abwechslung in mein Leben zu bringen. Um 7.30 Uhr verlässt Tobias den Frühstückstisch und man hat eine halbe Stunde Zeit, um sich die Zähne zu putzen, in die Arbeitskleidung zu werfen und sich mit Moskitoabwehrgas einzusprühen. Außerdem sollte man angesichts der wirklich wirklich wirklich ekligen Ambulanztoiletten seine Verdauung in den Griff kriegen. Wenn wir versteht, was ich meine. Um acht Uhr geht es dann in den Hof und um viertel neun sitzen wir im Wagen zu den Ambulanzen. Wir sind zwei Teams, ich bin abwechselnd in den Ambulanzen Forshore Road und Chengail. Je nach Verkehrslage kommen wir zwischen 8.45 Uhr und 9.30 Uhr an, nach Chengail fahren wir einen Teil der Strecke mit dem Zug, was wiederum ein Abenteuer für sich ist. Vor Ort warten die Patienten schon in Reihen, getrennt nach Kindern, Frauen und Männern. Unmittelbar nach der Ankunft fangen wir mit dem Stempeln an. Das heißt, jeder Patient kriegt der Reihe nach einen Stempel auf den Arm, was quasi eine Garantie ist, dass er heute behandelt wird. Wir stempeln jeden Tag etwa 80 bis 110 Patienten, was auf zwei bis drei Ärzte aufgeteilt schon ein gewisser Durchlauf ist, wenn man von einer effektiven Arbeitszeit von 6,5 Stunden ausgeht. Manchmal können wir nicht alle Patienten stempeln, wenn der Andrang zu groß ist. Natürlich versuchen wir, das zu vermeiden, da einige Kranke einen Anfahrtsweg von mehreren Stunden auf sich nehmen und nachts um zwei Uhr aufstehen, um dann 14 Uhr für 10 Minuten von einem Arzt gesehen zu werden. Da kommts einem schon komisch vor, wenn sich in Deutschland Menschen über eine Wartezeit von zwei Stunden aufregen.
Allgemein kann man sagen, dass die German Doctors eine Art Hausarztfunktion übernehmen. Sie schauen sich also die Patienten an und entscheiden, ob und welche Untersuchungen nötig sind, ob der Patient vielleicht auch direkt ins Krankenhaus muss und verschreiben auch Medikamente. Einige Medikamente halten wir vor, diese werden kostenlos an Patienten ausgegeben, darunter Antibiotika, Blutdruckmedikamente, Diabetesmedikamente, Sprays für chronische Bronchitis und Asthma und einiges mehr. Das ist für die Patienten teilweise überlebenswichtig, da sie so arm sind, dass sie sich die monatlichen Medikamente nicht anders leisten können. Es kommt auch häufig vor, dass die Patienten schon in einer der kostenlosen Universitätssprechstunden waren. Sie kommen dann mit einem Zettel, auf dem weder eine Diagnose geschweige denn eine Art Arztbrief hinterlegt ist. Lediglich die Medikamente wurden aufgeschrieben, zwar unleserlich aber absolut up to date, nur die tollsten und neuesten Medikamente. Was erst mal toll klingt. Aber wenn der Patient damit in die Apotheke geht und den Preis hört, entscheidet er sich dann doch gegen je eine Packung Clopidogrel und Telmisartan und lieber für einen Monat Reis und Bananen für die ganze Familie. Soll heißen, die indischen Ärzte schauen sehr oft nicht, was sich der Patient leisten kann, was diesem ungefähr gar nicht hilft. Denn Alternativen werden nicht benannt. Zweitens kriegen die Patienten selten Informationen über ihre Erkrankung. Häufig müssen wir uns aus Erzähltem und den Medikamenten unsere Rückschlüsse ziehen. Dann können wir schauen, welche Medikamente wir durch unsere kostenlosen austauschen können (man kann nämlich auch echt gut mit ASS und Enalapril leben und trotzdem die Familie ernähren). Außerdem werden die Patienten gerne mal aus den kostenlosen Sprechstunden zu Untersuchungen geschickt, die sie sich dann - Überraschung - nicht leisten können ( und die auch manchmal sinnbefreit oder übertrieben oder beides sind). Da können die GD dann wenigstens teilweise helfen und billigere Untersuchungen finanzieren oder teilfinanzieren. Die Quintessenz der kostenlosen Sprechstunden in den staatlichen Krankenhäusern, die per se ja keine schlechte Sache sind, sind Patienten, die völlig ahnungslos und ohne jede Therapie aus diesen Sprechstunden taumeln und am Ende überhaupt keiner Behandlung zugeführt werden, weil eben die Krankenversicherung fehlt und jemand, der ein bisschen das weitere Vorgehen steuert.
Ein weiteres Problem sind stationäre Einweisungen. Die Behandlung im staatlichen Krankenhaus sind weitestgehend kostenlos. Würden wir in Deutschland aber nach den gleichen Maßstäben unsere Betten vergeben, wären die Krankenhäuser leer. Die Daumenregel hier lautet: Wer noch selbstständig laufen und stehen kann, wird nicht aufgenommen, den braucht man also auch nicht zur Aufnahme schicken. Also werden weder der völlig entgleiste Diabetes und auch nicht die schwere Lungenentzündung aufgenommen. Gerade heute wurde einem zweijährigen Jungen mit akuter Leukämie und Fieber die Aufnahme verweigert. Das Kind wurde nach Hause geschickt. Die Kollegen haben noch versucht, es woanders unterzubringen. Wenn das nicht funktioniert hat, wird das Kind zu Hause sterben. Umgedreht ist es auch so, dass Patienten entlassen werden, sobald sie geradeaus schauen können. Am Montag kam eine Frau mit Verbrennungen in die Ambulanz, die sie sich im Dezember zugezogen hatte. Sie betrafen ca 40% der Körperoberfläche. Sie wurde nach drei Wochen mit offenen Wunden entlassen und kam jetzt, zwei Monate später, mit stärksten Schmerzen und unverändert bestehenden Wunden bis aufs Fleisch zu uns, schockig, mit Eiweißmangelödemen, da über die riesigen Wundflächen massiv Flüssigkeit und Eiweiß verloren gegangen war. Wir haben sie in ein privates Krankenhaus eingewiesen. Das Geld für die Hauttransplantationen, 2000 Euro, wird über eine deutsche Organisation besorgt.
Das sind nur zwei Beispiele, die aber eins verdeutlichen sollen: Indien hat kein ganz schlechtes Gesundheitssystem, wenn man das nötige Kleingeld aufbringen kann. Leider können das mindestens 30% der Gesellschaft nicht und die fallen hier gnadenlos hinten runter.
Die meisten unserer Fälle sind glücklicherweise weniger dramatisch. Bei den Kindern sehen wir wie in Deutschland größtenteils Atemwegsinfekte und Hauterkrankungen. Auch Rachitis und geistige Behinderungen (meist durch eine Sauerstoffunterversorgung bei der Hausgeburt) kommen vor, einmal hatte ich aber auch ein Kind mit einem angeborenen Herzfehler (der indische Staat bezahlt bei Kindern seit einigen Jahren Herz-OPs, sodass das kein Todesurteil mehr darstellt. Die Eltern müssen jedoch erst mal wissen, dass eine OP notwendig ist und wie sie da rankommen). Bei den Erwachsenen gibt es einerseits die Chroniker mit Diabetes, Bluthochdruck oder chronischer Bronchitis sowie seltener Anfallsleiden, rheumatischer Herzkrankheit und Rheuma. Dazwischen auch viele Hauterkrankungen, Durchfall, Knochen- und Gelenkschmerzen, in der Saison auch Malaria und Dengue, Typhus und natürlich in allen Altersgruppen die allseits dräuende Tuberkulose, die hier tatsächlich eine echte Seuche ist. Insgesamt sieht man hier noch mal deutlich weiter fortgeschrittene Krankheitsbilder im Vergleich zu Deutschland.
Mit all diesen Dingen setzt man sich den ganzen Tag auseinander und versucht, möglichst gute aber auch kostengünstige Lösungen zu finden, was manchmal ein regelrechter Spagat ist. Hilfe kann man immer von Langzeitarzt Tobias kriegen, der sich nach 18 Jahren im Bürokratiedschungel gut auskennt. Um 13 Uhr widme ich mich dann meinem Mittagstornister, der von unserem Küchenpersonal mit leckeren Dingen gefüllt wurde. Ab 13.30 bis 16 Uhr werden dann die noch wartenden Patienten angeschaut und dann geht's nach Hause. Und damit endet auch der heutige Beitrag.
Die junge Dame aus der initialen Erzählung war übrigens meine erste Patientin. Sie war seit drei Tagen akut wahnhaft und ihre Mutter hatte sie gebracht. Sie wurde dann in die Psychiatrie geschickt. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.
Liebe Grüße aus Kalkutta, Benni





















Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen