Samstag, 22. Februar 2020

Die Okkerstadt

Okkerfarbener Dunst legt sich schwer und träge auf die Stadt und das Gemüt. Der Blick aus dem Fenster offenbart ein Bild, dass einem Sandsturm gleicht, trübe, verstaubt, diesig. In der Ferne sind die schemenhaften Umrisse der Howrah-Bridge zu sehen, die sich einige hundert Meter flussaufwärts über den Hugli spannt, einen Seitenarm des Ganges, der südlich von Kolkata in den Golf von Bengalen mündet. Mir wird klar, dass es nicht die verschmutzten Autoscheiben sind, die den Blick auf die Brücke milchglasartig einschränken, sondern die verschmutzte Luft. Ein lautes Hupen reißt mich aus meinen Gedanken und richtet meinen Blick zurück auf die Straße. Mein Fahrer hatte mich am Flughafen abgeholt und schlängelt sich nun durch den Verkehr auf der Second Bridge, der zweiten den Hugli überquerenden Brücke. Trotz der Fülle an Autos und Lastwagen rasen wir in atemberaubenden Tempo in irgendeiner Spur über die Brücke, genaues weiß man nicht, denn die Spurmarkierungen sind offenbar vor Jahren schon zur Makulatur verkommen, wie so vieles in dieser Stadt, wo sich zwar überall Regeln auf- und niedergeschrieben finden, sich jedoch niemand an eben diese Regeln hält. Ich kralle mich am Amaturenbrett fest und schicke einige Stoßgebete an Gott, Mohammad, Vishnu, Brahma und wer noch sonst noch so Lust hat, sich um meine Seele zu kümmern. Um uns herum ertönt weiterhin ein teilweise ohrenbetäubendes Hupkonzert und mir schwant, dass das das weiße Rauschen Kolkatas ist, der Background Noise, der mich die nächsten sechs Wochen begleiten wird. Diese Stadt, die im grau-braun-okkerfarbenen Nebel, dem Staub und dem Lärm versinkt, die einem die Luft abschnürt und die Fingernägel schwarz färbt, die an vielen Stellen eine Beleidigung für abgehärtete Krankenhausnasen darstellt und in der sich gefühlt sämtliche 1,3 Milliarden Inder gleichzeitig tummeln, diese Stadt Kolkata macht einem die Ankunft nicht leicht.

Ich habe mich im Sommer letzten Jahres bei den German Doctors beworben und wurde Kolkata zugeteilt, der Stadt am Hugli, auf Deutsch Kalkutta. Ich werde hier bzw. in der Nachbarstadt Howrah sechs Wochen allgemeinärztlich tätig sein und möchte schon wie zuvor mit gelegentlichen Berichten den wiederkehrenden Fragen (Wie gefällt es dir? Wie ist das Wetter? Isst Du genug? Hast du schon Tuberkulose? Antworten: Gut, gut, ja, vielleicht) aus dem Weg gehen und sie hier für alle beantworten. Über Kommentare freue ich mich, auch wenn die Kommentarfunktion während meines Südamerikaaufenthaltes aufs Schändlichste entweiht wurde (hallo Gunnar). A propos, ich schulde euch eigentlich noch einen Beitrag über den letzten Teil der Südamerika-Reise, da hat aber die Faulheit obsiegt. Nur soviel: Es war sehr sehr schön. Nun aber Kolkata.
Ich wohne eigentlich gar nicht in Kolkata, sondern in Howrah, einer Stadt, die auf der anderen Seite des Hugli liegt und noch mal um einiges ärmer ist als Kolkata (in etwa so wie Mainz für Wiesbaden). Hier wohne ich mit vier anderen freiwilligen Ärzten im Pushpa-Home in einer Art WG. Jeder hat sein eigenes Zimmer, es gibt drei Bäder und eine Küche. Wir werden täglich morgens und abends bekocht, mittags gibt es eine Lunchbox. Das Zimmer ist simpel aber ausreichend eingerichtet mit Tisch, Stuhl, Schrank und Bett. Die Matratze ist so hart, dass sie Skoliose heilen kann und außerdem darf ich unter einem Moskitonetz nächtigen. Im ersten und zweiten Stock des Hauses befinden sich Krankenstationen für Kinder mit allgemeinen Erkrankungen und Tuberkulose. Jeden Morgen um sieben Uhr sitze ich mit meinen WG-Mitbewohnern am Tisch und wir frühstücken. Dann gesellt sich auch unser Langzeit-Arzt Tobias zu uns, der aber woanders wohnt. Er lebt seit 18 Jahren in Kolkata und hält den Laden am Laufen. Um 8.15 Uhr fahren wir dann los. Wir teilen die sechs Ärzte in zwei Teams und fahren an verschiedene Orte, um dort Patienten kostenlos zu behandeln. Ich bin montags, mittwochs und donnerstags in der Forehore Road, dienstags und freitags in Chengail. Die Foreshore Road ist im zentralen Teil von Howrah nahe dem Hugli. Dort steht ein Gebäude, welches zweckdienlich zu einer Art Praxis mit drei Behandlungszimmern umgestaltet wurde. Die Ambulanz Chengail liegt etwas außerhalb von Howrah flussabwärts. Um dorthin zu gelangen, fährt uns unser Ambulanzwagen bis zu einem Bahnhof, wo wir dann in den Zug umsteigen und zur Ambulanz fahren. Es gibt noch zwei weitere Ambulanzen auf Kolkataseite in Santoshpur und Bojerhat, wo ich aber nicht eingesetzt werde. Jedes Ärzteteam wird vom oben erwähnten Ambulanzwagen transportiert, der auch das örtliche Team, sprich die Übersetzerinnen, die Apotheker und die Verbandsschwestern fährt und außerdem Medikamente und Ausrüstung mitführt. An der Ambulanz angekommen wird die Ausrüstung aufgebaut und zügig mit dem Stempeln begonnen. 
Unsere Patienten wohnen meist in den umliegenden Slums, nehmen aber insbesondere in den ausgelagerten Ambulanzen teilweise weite Strecken auf sich, um zu uns zu gelangen. Sie wissen, wo wir an welchen Tagen Sprechstunde haben und stellen sich ab etwa 4 Uhr morgens in der Schlange an, um behandelt zu werden. Da wir natürlich nicht unendlich viele Patienten an einem Tag behandeln können, werden die Patienten der Reihe nach mit einem Stempel versehen, was dann heißt, dass der Patient an diesem Tag gesehen wird. Meistens schaffen wir etwa 80 bis 100 Patienten pro Tag, momentan also fast alle. Diejenigen, die hinten in der Schlange stehen, haben möglicherweise Pech und müssen an einem anderen Tag wiederkommen. Es gilt aber grundsätzlich, dass alle Kinder und alle Schwangeren gesehen werden müssen. Spätestens 16 Uhr ist Schluss und wir packen ein, auch weil die Mitarbeiter teilweise sehr lange Anfahrtswege haben. An technischer Ausrüstung stehen uns Blutzuckermessgeräte, Blutdruckmessgeräte, ein Urinteststreifen, ein Schwangerschaftstest, ein Malariaschnelltest, Ohrenlampen, Stethoskop, ein Pulsoxymeter sowie Mundspatel zur Verfügung. Also ganz ähnlich einer Hausarztpraxis in Deutschland. Jeder Patient hat eine Karte, auf die wir unsere Ergebnisse und Untersuchungen eintragen. Es besteht die Möglichkeit, Patienten für alle Untersuchungen in verschiedene örtliche Einrichtungen zu schicken, sprich von Ultraschall bis MRT oder OP ist alles möglich. Da unsere meist sehr armen Patienten keine Krankenversicherung haben und die Kosten für die Untersuchungen nicht tragen können, übernimmt German Doctors diese. Da die Organisation aber spendenbasiert arbeitet, ist dies nicht für alle Untersuchungen und Therapien möglich. MRTs bzw. OPs können wir beispielsweise nur teilfinanzieren, während ein Ultraschall kein Problem ist. Damit Ihr mal eine Vorstellung habt: Ein Ultraschall kostet hier 50 Rupien (80 Cent), ein MRT 5000 Rupien (80 Euro), von denen wir 1000 übernehmen können. 4000 Rupien bedeutet schon für unsere Mitarbeiter einen halben oder ganzen Monatslohn, für die Slumbewohner, die sich als Tagelöhner oder Riksha-Fahrer verdingen, ist diese Summe unter keinen Umständen aufzubringen. Deshalb können wir eigentlich keine teuren Untersuchungen finanzieren, auch wenn jeder Patient eine Einzelfallentscheidung ist und sich manchmal doch was drehen lässt. Im schlimmsten Fall kann jedoch eine Krebserkrankung bei einem älteren Patienten nicht therapiert werden. Es gibt aber auch Positives zu berichten. Der indische Staat finanziert zum Beispiel seit wenigen Jahren alle Herz-OPs bei Kindern vollständig. Auch gibt es Zuschüsse für Familien mit behinderten Kindern und die Schwangerschaftsvorsorge wird ebenfalls vom Staat übernommen. All das sind erfreuliche Entwicklungen, die wenigstens ansatzweise den Wandel der Gesellschaft repräsentieren, trotzdem bestehen weiterhin riesige Lücken und die bestehenden Programme werden teilweise unterirdisch schlecht umgesetzt (für manche Bezuschussungen benötigt der Patient ein Bankkonto... schon mal 'nen Bettler mit Bankkonto gesehen?). Aus diesem Grund hat gewinnt man den Eindruck, dass die Arbeit hier momentan notwendig ist, aber hoffentlich irgendwann einmal überflüssig wird. Bei uns kriegen die Patienten neben einer Untersuchung und Beratung bis zu vier kostenlose Medikamente für den Zeitraum von einem Monat ausgehändigt und müssen dann nach einem Monat wiederkommen. Was darüber hinausgeht, muss vom Patienten selbst getragen werden, es gibt aber sogenannte Fairprice-Apotheken, wo Medikamente auch für finanziell schlecht gestellte Menschen erschwinglich sind, was die Arbeit erleichtert, weil man sich nicht zwischen Herz- und Diabetesmedikation entscheiden muss. 
An den freien Abenden fahren wir manchmal mit dem Bus nach Kolkata rüber. Donnerstag haben wir uns eine Show mit klassisch indischer Musik und indischem Tanz angeschaut und gleichzeitig gesehen, dass es auch in einem Moloch wie Kolkata eine Mittelschicht gibt. Außerdem erkunden wir die Stadt, wobei man leider sagen muss, dass Kolkata eher nichts fürs Auge ist (und erst recht nichts für Nase oder Ohr). Es gibt einige Sehenswürdigkeiten, die es aber (zurecht) nicht gerade zu Weltruhm gebracht haben. Außerdem befindet man sich außerhalb der Wohnung eigentlich in konstanter Lebensgefahr, da die Begriffe "Verkehrsstruktur", "Bürgersteig", "Gegenspur", "Spur", "Bremsen", "Geschwindigkeitsbegrenzung", "Lebensgefahr", "Gurt" und "Ampel" in Bengali und Hindi wenn dann nur schwammige Übersetzung erfahren haben. Dafür gibt es für das Wort "Hupen" vermutlich 17 Übersetzungen und ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass auf der Straße zu etwa 50% der Zeit irgendein Mensch wie ein Geisteskranker auf seine Hupe eindrischt. Man stelle sich die Straße des 17. Juni nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft vor, nur als Alltag. Keinesfalls ist die Hupe aber als instrumentalisierte Aggression zu werten, sie soll lediglich sagen "hallo, hier bin ich, fahr mich möglichst nicht tot". Und selbst wenn jemand auf der vollen vierspurigen Straße einen U-Turn macht, wird das gleichmütig hingenommen, geschimpft wird nicht. Nur gehupt. 

Beim nächsten Mal erzähle ich etwas mehr über die Arbeit und wie der Besuch im Zoo war. Liebe Grüße an Euch Zurückgebliebenen ;)



unsere Küche

mein Gemach

flower market

Howrah Bridge








bald ist Holi-Festival

Synagoge 

Ratten gibt's



der Hof unserer Unterkunft 




Ambulanzapotheke

Foreshore Road-Ambulanz

Foreshore Road-Ambulanz 

das Team


das andere Team 

Hunger?

Weg nach Chengail


Wurstfinger


meine Übersetzerin Jumah


mein Mittagsessen













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