Ich sitze in einem Zug zwischen München und Berlin. Eben flog die sehr wichtige Stadt Ingolstadt am Fenster vorbei, die Zugansage wird vom gleichmäßigen Surren des Zuges melodisch getragen. Das Wlan im Zug funktioniert nicht, ich muss wohl wieder in Deutschland sein. Bis auf den Schaffner habe ich bisher keine Menschenseele im Zug gesehen. So fühlt sich also Corona an.
Das Projekt der German Doctors in Indien wurde ausgesetzt, soweit ich weiß auch in den anderen Ländern. Anfang der Woche kam die offizielle Nachricht aus Bonn, wir mögen bitte unverzüglich abreisen. Also haben wir unsere Flüge umgebucht, dem Langzeitarzt unser Bedauern ausgedrückt und sind schweren Herzens nach Deutschland aufgebrochen. Es ist extrem unbefriedigend, da die verfrühte und in gewisser Weise auch überstürzte Abreise einen unfertigen Nachgeschmack hinterlässt. Man hat Patienten zu Untersuchungen geschickt und kann nun die Ergebnisse nicht sehen und auch nicht weiter agieren. Der Langzeitarzt hat glücklicherweise einige indische Ärzte auftreiben können, die wenigstens teilweise die Arbeit fortführen können, aber wenn Corona Indien hart trifft, werden auch dort Ärzte gebraucht und dann wird das Projekt darunter leiden.
Davon abgesehen halten wir alle die angeblichen 200 Fälle in Indien für einen Witz. Wenn dort jemand das Virus hat und sich in der Öffentlichkeit bewegt, steckt er gefühlt wesentlich mehr Menschen an, als eine Person in Deutschland. Insofern sind 200 Patienten vielleicht auch eher einer, sagen wir, restriktiven Testpraxis geschuldet. Obwohl auch Indien einiges unternimmt, um das Virus einzudämmen, Schulen und öffentliche Einrichtungen schließt usw.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt, allerdings wird eine generelle Ausgangssperre zumindest in Howrah fast nicht durchsetzbar sein.
In den letzten Tagen haben wir ständig die Nachrichten gelesen. Es war ziemlich surreal, im täglichen Leben in Howrah keinerlei Einschränkungen zu erleben und in den Nachrichten von den Zuständen in Deutschland zu lesen. Hinzu kommt, dass ich momentan "Die Pest" lese, sodass gewissermaßen zwei reale Welten und eine fiktive Welt in meinem Kopf zu einer Melange aus Panik, Vorsicht und Informationsüberfluss verschmolzen sind. Mit Staunen haben wir über Hamsterkäufe von Klopapier gelesen (kann man das essen?) und von asozialem Verhalten hinsichtlich des Bunkerns von Lebensmitteln. Man merkt, dass ein einfaches Virus ausreicht, dass der Mensch zwar eine Maske aufsetzt, aber trotzdem sein wahres Gesicht zeigt. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Lebensmittel jetzt bei Leuten zu Hause vergammeln, während jemand anderes eine Woche lang Dosenbohnen fressen muss.
Die letzten zwei Wochen auf Arbeit waren noch einmal sehr interessant und ereignisreich. Es kam erneut ein Verbrennungsopfer mit riesigen Brandwunden an Oberkörper, Händen und Gesicht, der vor einem Monat aus der Klinik entlassen worden war. Neben offenkundig massiven Schmerzen war es durch die Brandverletzungen bereits zu Kontrakturen der Haut gekommen, sodass er weder Hände noch Mund zufriedenstellend schließen konnte. Wir haben ihn in eine plastische Chirurgie geschickt und der Langzeitarzt kümmert sich um die Finanzierung einer oder mehrerer OPs über eine deutscheOrganisation. Ein weiterer interessanter Fall war ein junger Mann, der bereits seit sechs Monaten wegen einer Tuberkulose behandelt worden war und nun über eine Schwellung am Rücken klagte. Wahrscheinlich hat er nun eine Wirbelsäulentuberkulose und es hat sich ein Abszess am Rücken gebildet. Ich durfte den Abszess spalten, erspare Euch aber die Details, Stichwort Zimmerspringbrunnen. Der Patient wird nun hoffentlich wieder ins staatliche TBC-Programm aufgenommen und es wird nach einem Grund für das wahrscheinliche Therapieversagen gesucht.
Aufgrund des Holifestes hatten wir neulich auch ein langes Wochenende und sind vor Ausbruch der großen Panik nach Darjeeling gefahren. Darjeeling ist eine Stadt im Norden des Bundesstaates Westbengalen und liegt in den Ausläufern des Himalaya. Östlich davon befindet sich der Bundesstaat Assam, der passionierten Teetrinkern auch ein Begriff sein sollte. Darjeeling war tatsächlich eine willkommene Abwechslung, kälter, ruhiger, weniger vermüllt und laut, mit einer spektakulären Aussicht. Die Stadt selbst ist eher klein und wird von einer Zufahrtsstraße gespeist, die sich zwei Autospuren mit einem Bahngleis teilen. Das limitiert den notorisch chaotischen Verkehrswahnsinn auf wenige Überholmanöver, was die Autofahrt so unendlich entspannter macht. Wir hatten uns in einem kleinen Homestay einquartiert, einer Art privat geführten Herberge. Man muss wissen, dass es in der Region keine Häuserdämmung und keine fest installierten Heizungen gibt. Es gilt also Außentemperatur = Innentemperatur. Was bei acht Grad abends nur bedingt witzig ist. Ein Glück gab es untergelegte Heizdecken und heiße Suppe, was die ganze Angelegenheit erträglich gemacht hat. Wir haben uns zwei Tage die Stadt angeschaut, haben einen Blick auf den ansonsten wolkenverhangenen Himalaya erhascht (irre!), haben die obligatorischen Teeplantagen besucht und uns natürlich das Weltkulturerbe, den Darjeeling Himalayan Railway, angeschaut, einen alten Tufftuff-Zug, der sich kohlebetrieben den Berg von Siliguri nach Darjeeling hinaufquält und dabei die oben erwähnten Gleise entlang der Straße befährt. Trotz der frischen Temperaturen konnten wir uns gut erholen und mal die 3 Kilo Feinstaub aus der Lunge husten, die Kolkata und Howrah dort versteckt hatten. Rückzu haben wir den Nachtzug ab Siliguri nach Kolkata genommen, der war ähnlich antik, halbwegs komfortabel und ist mit nur fünf Stunden Verspätung angekommen. War aber auch mal ein Erlebnis.
Nun bin ich bald in Berlin. Das Abenteuer Indien hat ein frühes Ende gefunden, wobei ich mit viereinhalb Wochen noch gut dran bin. Meine Kollegen mussten nach teilweise zweieinhalb oder anderthalb Wochen wieder abreisen. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass medizinische Hilfe in Indien noch einige Zeit notwendig sein wird. Wer dies finanziell mit einer Spende unterstützten will, kann das über die Website der German Doctors tun oder mich auch ansprechen. Sofern es sich einrichten lässt, kann ich gerne auch einen kleinen Vortrag halten, je nach Bedarf mit mehr oder weniger gruseligen Bildern.
Sofern mich im abgeriegelten Berlin nicht die absolute Langeweile überkommt, wird dieser Blog nun erst mal wieder still gelegt, denn mein Leben ist außerhalb von Reisen weder spannend noch jugendfrei. Ich freue mich über das Feedback, dass ich regelmäßig erhalten habe und wünsche allen Lesern einen gesunden Frühling!
Benni
PS: Auf unserem Weg um die halbe Welt von Kolkata nach München wurde zu keinem Zeitpunkt die Temperatur gemessen, nach Symptomen gefragt oder in irgendeiner Weise auf Schutzmaßnahmen hingewiesen. Auch in München wurde nicht gefragt, aus welchem Land man ursprünglich einreist, der Flug kam ja aus Dubai, sodass es für viele wie für uns sicherlich ein Anschlussflug war. Schlussendlich standen dann auch alle Einreisenden gemeinsam dicht gedrängt am Gepäckband... und fast niemand mit Maske. Grotesk.
Darjeeling
Jawohl!
wenn die S-Bahn nicht fährt...
Darjeeling
Darjeeling
Darjeeling
Darjeeling
Darjeeling
Darjeeling
die Flaggen werden jedes Jahr zum Holi erneuert
Darjeeling
Darjeeling
Mönchs-Schüler
Darjeeling
Teearbeiter
Null Null Schneider
Offica
Deutscher mit Klopapier
Bahnstation in Darjeeling
Ich stelle die Weichen in meinem Leben
"Toot toot"
hervorragende CO2-Bilanz
Hogwarts-Express
Da issee
Fischhändler
der Nachbar mit den größeren Fischen
Werkzeug zum Entschuppen von Fischen
Gemüsehändler
Holipulver
kein Holipulver
Chinesisch kochen im Parterre
Menschärgerdichnicht in der Suppenküche
Schneider
indischer Lionel Richie
der Himalaya!
Holi
Holi
Holi
Holi
ick im Nachtzug
Testarossa-Express
Holi
Fischer auf dem Hugli
die wollten ein Foto
Swag
scary
Ungelogen der ekligste Fleischmarkt aller Zeiten. Unten die Hunde, von oben scheißen die Tauben. Widerlicher Gestank.
Ich beschwere mich nie wieder über mein fehlendes Büro
Straßenbild in Kolkata
vor der Ambulanz in Chengail
Chengail
kurz noch mal waschen bevor es zum Arzt geht
Flughafen München zu Zeiten der Corona-Krise


























































