Dienstag, 19. November 2019

Patagonien oder Warum ist der Eisberg blau?

Karges, weites Land, gelegentlich durchsetzt von niederen Strauchgewächsen und kilometerlangen Zäunen, fliegt über Stunden am Busfenster vorbei. Die Sonne brennt durchs Fenster und färbt die Arme erst rot, dann braun, die Haare blond. In weiter Ferne berühren sich blauer Himmel und getreidefarbenes Land, der Horizont ist weiter als der eigene. Liebe Zurückgebliebene, ich bin in Patagonien und auf dem Weg zurück nach Punta Arenas. Hinter mir liegen knapp zweieinhalb Wochen voller Schweiß und Regentropfen. Aber beginnen wir von vorne.
Punta Arenas fand ich ja wie schon angedeutet irgendwie schön, auch wenn das wahrscheinlich nicht der gängigen Meinung entspricht. Es liegt am Estrecho de Magallanes, der Magellanstraße. Auf der anderen Seite droht Feuerland mit einem gefährlichen Namen und gibt einem deutlich zu verstehen, dass man nun wirklich am Ende der Welt ist. Fast. 
Ganz Verrückte fahren noch runter nach Ushuaia, das auf argentinischer Seite liegt, und begeben sich in bedrohliche Nähe zum Kap Horn. Und jeder weiß, dass man dahinter von der Erdscheibe fällt. Um in dieser Hinsicht auf der sicheren Seite zu sein, habe ich mich entschieden, die Flucht in den Norden anzutreten und bin nach Puerto Natales gefahren, einem kleinen, sehr sehr windigen Ort, der üblicherweise als Ausgangspunkt für Wanderungen in den Torres del Paine-Nationalpark dient und aus diesem Grund zweckdienlicherweise einige Supermärkte mit Trockenfutter und Outdoorshops mit extradicken Schlüppern vorhält. Nachdem ich mich hier also warmgelaufen hatte, ging es an einem Dienstagmorgen um sieben Uhr per Bus zum Park und das Drama nahm seinen Lauf. Dazu später mehr. 
Der Torres del Paine-Nationalpark ist so ziemlich der beliebteste Nationalpark in Patagonien und wahrscheinlich auch Südamerika und befindet sich auf chilenischer Seite. Da Patagonien sehr weit südlich liegt, ist es hier mit den Wetterbedingungen und Tages-und Nachtzeiten ähnlich wie in Skandinavien, nur eben annerschrum. Soll heißen, dass Dezember und Januar Hochsaison sind mit langen Tagen und kurzen Nächten während man im Juni und Juli kaum wandern kann, weil die Tage so kurz sind. Das Wetter ist sehr wechselhaft und man muss eigentlich zu jeder Jahreszeit und jeder Tageszeit auf das Wetter einer jeden Jahreszeit gefasst sein. Capiche? Im Park gibt es zwei Wanderwege, die aufgrund der Form auf der Karte als W- und O-Trek bezeichnet werden, wobei der O-Trek üblicherweise in sechs bis sieben Tagen gelaufen wird und der W-Trek in drei bis fünf Tagen. Auf dem O-Trek muss man einen Pass im Nordwesten des Parks überqueren. Der W-Trek stellt im Endeffekt  einen bzw. den schönsten Teil des O-Treks dar. Man übernachtet - je nach Budget - in Zelten oder sogenannten Refugios, also Hütten. Die größte Herausforderung ist wohlgemerkt nicht etwa die Wanderung selbst sondern die Buchung der Zeltplätze bzw. Refugios. Diese sind nämlich in der Hand von drei Firmen und die arbeiten nicht gerne zusammen, obwohl die eine nicht ohne die andere existieren kann, sodass man sämtliche Übernachtungen in mühevoller Kleinstarbeit einzeln buchen muss. Das hatte ich glücklicherweise schon im Oktober getan. Essen kann man in den Unterkünften im Voraus buchen oder man schleppt Futter für sieben Tage mit sich herum. Ausgerüstet mit Vouchern für sechs Nächte und Essensmarken wie zu besten Wirtschaftskrisenzeiten ging es nun los. 
Meine erste Station auf dem Trek hieß Campamiento Serón und sollte nach ca. fünf Stunden Wanderung zu erreichen sein. Der Tag begann in Puerto Natales suboptimal bei Nieselregen. Nachdem ich um zehn Uhr nach zweistündiger Fahrt und aufwendiger Zugangsprozedur endlich gutgelaunt die Wanderung antreten konnte, entwickelte sich der niedliche Nieselregen zu einem ordentlichen, erwachsenen Trommelregen, der sich den ganzen Tag nicht mehr beruhigen sollte, was natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar war. Das Wetter war ja angeblich so wechselhaft und auf diesen Wechsel hoffte ich nun mehr denn je. Abgesehen davon hatte ich Regenjacke, Regenhose, wasserfeste Schuhe und einen Regenschutz für den Rucksack, was sollte also schief gehen?
Nach anderthalb Stunden war ich durchgeweicht bis auf die Buchse. Nichts an mir war noch trocken, abgesehen von ein paar Sachen im Rucksack, die aber zumindest ordentlich klamm waren (ich hatte Gott sei Dank eine Mülltüte als zweite Haut in den Rucksack gelegt und darin alle Sachen verstaut, sonst hätte ich in einem nassen Schlafsack gepennt). Der Weg war eher eine Mischung aus Seepfütze und Schlammbad, die Sicht gleich null und meine Brille beschlug alle 34 Sekunden. "Geh in Patagonien wandern", haben sie gesagt, "da ist es schön". Am ersten Tag wollte ich Patagonien verkloppen, das war die Realität.
Nachdem ich dann auch noch in Ermangelung von Alternativen durch einen neugeformten Bach waten durfte, waren endlich auch die Schuhe nass und somit eh alles egal. 
In Serón angekommen stellte ich dann fest, dass es keine beheizten Räumlichkeiten gab und auch kein Feuer, um irgendetwas zu trocknen. Zu meiner Verteidigung darf ich festhalten, dass von den etwa 25 Wanderern im Camp jeder durchgeweicht war und die Campleitung meinte, dass sie lange nicht so schlechtes Wetter hatten. Tröstlich. Immerhin gabs heiße Schokolade und das Essen war lecker. Nachdem ich dann also eine ziemlich kalte Nacht im Zelt verbracht hatte, bin ich morgens in die nassen Klamotten gestiegen (hab mir aber n trockenen Schlüppi gegönnt). Ich wollte erst in ein paar trockene Socken schlüpfen, habe mich dann aber erinnert, dass das bei komplett nassen Schuhen herzlich wenig Sinn macht. Zum Frühstück wurde uns dann eröffnet, dass der Pass auf dem O-Trek aufgrund des miesen Wetters zugeschneit und damit geschlossen ist. Das war ernüchternder als die nassen Socken und Schuhe zusammen und es begann das große Überlegen. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als zurück zum Zentralcamp zu laufen, wo ich am Morgen zuvor gestartet war (ich habe später erfahren, dass wohl trotzdem einige Leute ein paar Tage später über den Pass gelaufen sind. Ich weiß aber nicht, was die Ranger einem antun, wenn sie jemanden dabei erwischen. Abgesehen davon wollte ich es Rettungskräften ersparen, meinen weichen, nassen Körper aus dem Tiefschnee zu klauben). Ein Glück hat es nicht mehr geregnet. Stattdessen geriet ich kurz nach dem Loslaufen in einen kleinen Schneesturm. 
Aber da war dann auch alles egal. Im Laufe des Tages besserte sich das Wetter und man konnte plötzlich sogar den Ausblick sehen und genießen. In Central angekommen konnte ich dann sogar meine Sachen ein bisschen trocknen. 
Zusammen mit drei anderen Wanderern haben wir dann unsere Unterkünfte umgebucht und sind letztendlich den W-Trek gelaufen. Das heißt, wir sind von Südwesten nach Südosten gelaufen. Im Westen gab es dabei den sehr schönen Grey-Gletscher zu bestaunen.
 Hier haben wir dann auch eine kleine Kayaktour gemacht und erfahren, dass der Grad der Blaufärbung eines Eisbergs vom Sauerstoffgehalt abhängt (sic!). 
An den Folgetagen war dann meistens nettes Wetter und die Höhepunkte der Tour, das French Valley und las Torres präsentierten sich in herrlichem Kaiserwetter. 
Letztlich waren Patagonien und ich also versöhnt. Rückblickend war es ordentlich anstrengend aber in jedem Fall eine der schönsten Wanderungen, die ich bisher unternommen habe. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, leider sind die Buchstaben fast alle. Nach Torres ging es dann rüber nach Argentinien. In Calafate habe ich mir den Perito-Moreno-Gletscher im Regen angeschaut. El Chaltén war so verregnet, dass ich nur eine Tageswanderung machen konnte. Der Fitz Roy hat sich hinter 2m Schneeluftpolsterfolie versteckt, dafür war es noch mal richtig knallekalt und windig und dreckisch. 
Zu guter Letzt bin ich nun den ganzen Weg zurück nach Punta Arenas gefahren, hab gestern in Puerto Natales noch mal die Luft der chilenischen Proteste geschmeckt (es roch nach Feuer, Polizeigewalt und einer Brise Tränengas) und hab mir heute von einem Barbier in Punta Arenas die Haare stutzen lassen. 
Und gleich sitze ich im Flieger auf die Galapagos-Inseln. 

4 Kommentare:

  1. Benni, donde estas? ¿Por qué me dejaste?

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  2. Tengo descarga amarillenta ahora. Creo que viene de nuestra última noche.

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  3. Benni, por favor contáctame! ¡La prueba de embarazo es positiva!

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