Mittwoch, 12. Oktober 2011

"It's a long way back to Germany" (The Ramones)

Liebe Leser,

meine Zeit als Känguru-Imitator neigt sich dem Ende entgegen. Am Freitag um 16.15 australischer Ostküstenzeit werde ich meinen Privatjet besteigen und mich über Singapur nach Frankfurt chauffieren lassen. Dort werden mich jubelnde Menschenmassen und geschätzte 5° Celsius empfangen. Hoffe ich. Ich freue mich auf folgende Dinge: Die Prinzessin, Familie, Freunde, ein ordentliches Mettbrötchen, Döner (obwohls den auch in FFM nicht geben wird), Heizungen, billige Preise. Ich werde folgende Dinge vermissen: Die Arbeit, die australische Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Multinationalität, die Briten. Damit wäre alles gesagt. Fast.
Es gibt einen triftigen Grund, warum ich in den letzten 4 Wochen so spärlich geschrieben habe und mich kurz gehalten habe. Ich habe gearbeitet. Die Arbeit im Emergency Department hat sehr viel Spass gemacht, war lehrreich, interessant, anschaulich und sehr lustig. Nicht wegen der Multitraumen sondern wegen der Menschen, mit denen ich gearbeitet habe. Die Vielfalt der Krankheiten und Verletzungen, die sich mir präsentierten, war ziemlich überwältigend, auch weil die Notaufnahme hier chirurgische und internistische Notfälle behandelt. So sieht man den Fallschirmspringer, der durch die Hochspannungsleitungen gerauscht ist, erneut einen halb amputierten Daumen (Finger weg von der Kreissäge), Herzstillstände, Messer in Bauch und Rücken, intrakranielle Blutungen, multimorbide Alkoholiker, offene Knöchelbrüche und Menschen, die Blut im Schwall erbrechen. Im Prinzip besteht die ED aus mehreren Teilen.

Resus: Hier steigt die Party: Multitraumen, Herzinfarkte und anaphylaktische Schocks geben sich die Klinke in die Hand oder den Löffel ab. Vorzugsweise ersteres. Besteht aus 3 Räumen und ist mit zwei Doktoren besetzt. Meist kann man nicht atemberaubend viel machen, dazu fehlt die Qualifikation und die Erfahrung.

Main Arena: Auf 19 Betten verteilt werden weniger schwere Krankheiten betreut, von der Platzwunde über Appendizitis über neutropenisches Fieber usw. Außerdem ist ca ein Mal die Woche Hodentag. Wenn man einen Patienten mit Hodenschmerzen hat, kann man sich sicher sein, dass ein zweiter wenig später in der ED aufkreuzt. Ist ein ungeschriebenes Gesetz: Hoden kommen immer im Pärchen, also im doppelten Sinne.

ET: Kleinere Verletzungen und Krankheiten, die im Prinzip auch zum Allgemeinarzt gehen könnten. Nicht sehr spannend.

Triage: Hier wird entschieden, wer wohin kommt. Ist gut, wenn man Kanülen legen will.

Paeds ED: Pädiatrische ED, viel Geschrei und Seifenblasen.

Da das alles furchtbar spannend ist, bleibt man gern länger und findet abends nicht mehr die Zeit, Dinge im Internet zu schreiben, die wahrscheinlich eh nur wenige lesen, auch wenn ich ab und an positives Feedback erhalten habe (danke!).
Außerdem war das Wetter extrem bescheiden. Ein Wochenende war ich mit Linda auf einem Festival namens Parklife, Hauptacts waren Digitalism, The Gossip, Duck Sauce, Simian Mobile Disco und The Streets. Leider war auch dieser Tag verregnet, was aber 90 Prozent der Besucher nicht davon abgehalten hat, in sehr kurzen Hosen und Trägertop zur Veranstaltung zu erscheinen. Wir standen in langen Hosen, Pullover und Jacke daneben und hätten auch gern von den Medikamenten genascht, die unsere australischen Freunde der Tanzmusik offenbar zu sich genommen hatten.
Letztes Wochenende haben wir voller Panik festgestellt, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt in Sydney und wir unbedingt noch in die Blue Mountains müssen. Die sind sozusagen die Alpen Australiens, bringen es aber nur auf mickrige 1200 Meter und sind damit per se nicht so beeindruckend. Trotzdem ist die Landschaft wunderschön und seit 2000 auch Welt-Unesco-Irgendwas wegen seiner Eucalyptusbaum-Artenvielfalt (ein sehr langes Wort). Wir wurden acht Uhr morgens in der Stadt von unserem Guide (Führer ist ein ... mit negativen Konnotationen besetztes Wort ... man soll sich ja nicht vorstellen, dass wir von einem kleinen Mann mit Bart rumgeführt wurden) Jim abgeholt. Neben uns nahmen eine Französin, eine Amerikanerin, ein holländisches Pärchen, ein Pärchen aus Hongkong und eine asiatische Großfamilie am Ausflug teil. Als wir unseren ersten Aussichtspunkt erreichten, war alles, was wir sahen: Nebel. Schön, großartig. Unserer Guide meinte, dass man manchmal geduldig sein muss. Wir haben das als Unsinn abgetan, wurden aber fünf Minuten später eines Besseren belehrt. Der Nebel lichtete sich etwas und wir hatten eine wunderschöne Aussicht auf das vor uns liegende Tal. Später haben wir dann auch das "Wahrzeichen" der Blue Mountains bestaunen dürfen, die "Three Sisters". Nachdem es bis dato trocken war, fing es selbstverständlich während unserer kleinen Wanderung wie irre an zu schütten. Auf dem Rückweg nach Sydney hielten wir noch kurz im Olympia-Park an und waren gegen 19:00 wieder zu Hause. Am darauffolgenden Sonntag holte ich mit meinem neuen Mitbewohner den Manly Beach Walk von der Spit Bridge nach Manly nach, den ich bis dahin aus unerfindlichen Gründen nicht von meiner Liste streichen konnte. Von Manly nahmen wir anschließend die Fähre in die Stadt. Diese führt einen am Opera House vorbei, womit ich jetzt mit Stolz behaupten kann, den Betonklotz von wirklich allen Seiten fotographiert zu haben, was mir in gewisser Weise einen inneren Seelenfrieden beschert und mir das Gefühl gibt, ein wahrlich guter Tourist zu sein.
Gestern haben wir Rosslyn bekocht. Ich durfte endlich mal meine Qualitäten als Hausmann präsentieren und habe 2 Kilo Hackfleich (schlappe 21 Dollar) in Buletten verwandelt, wie sie Australien noch nicht gesehen hat. Morgen werden sich noch meine Kollegen daran laben. Dazu gab es leckeren Kartoffelbrei und sehr sehr teure Erbsen und Mais, garniert mit einem Hauch Paprika.
Da die Woche zur Fresswoche erklärt wurde (Montag Asian Noodlemarket), wurde heute ein indisches Restaurant in Leichhardt besucht. Eigentlich ist dieser Stadtteil mit dem deutsch klingenden Namen das Heim zahlreicher italienischer Restaurants, man muss aber auch mal gegen den Strom schwimmen. Außerdem hatte Linda von Alex einen Gutschein geschenkt bekommen.
Morgen werde ich mit einigen Kollegen aus der ED ausgehen und mich hemmungslos betrinken um dann Freitag mit einer ansehnlichen Alk-Fahne wie oben erwähnt in meinen Privatjet zu steigen. Und dann ist es vorbei. Dann stirbt auch dieser Blog einen langweiligen Tod bzw verfällt in einen Dornröschenschlaf. Ich hoffe, es hat Euch ein wenig Spass gemacht und der Blog hat seinen Sinn erfüllt und ich muss nicht alles noch mal von vorn erzählen. Bis gleich, Benni

PS: Bin zu faul, Bilder einzufügen. Das dauert immer so lange. Benutzt Eure Phantasie!

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