Freitag, 16. September 2011

Halbzeitstand

Guten Morgen,

bei mir ist es jetzt 8 Uhr abends und ich werde wohl gleich noch entspannt eine DVD schauen, um mich mental auf den anstrengenden morgigen Strandtag vorzubereiten. Währenddessen schallt vom Erdgeschoss Rosslyns liebenswerte Stimme nach oben, sie übt mit einer Freundin irgendein Lied. Dazu gesellen sich Geräusche von knallenden Korken und viel Gelächter. Ich habe Hunger, traue mich aber nicht zum Kühlschrank. Der steht im Erdgeschoss. Draußen krakeelt der Affenvogel, ich habe ihn so getauft, weil er Geräusche wie ein Affe macht.
An manche Dinge kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Erstens: Schuluniformen. Habe heute Kinder gesehen, die ernsthaft dazu gezwungen werden, zu ihrer Uniform noch einen äußerst dämlichen Hut zu tragen. Ich gerate ja schon ohne Hut in die Versuchung, die Kinder zu fragen, ob sie zu Gryffindor oder Slytherin gehören, aber mit Hut ...
Zweitens: Die Preise. Aber reden wir nicht darüber.
Gestern war mein letzter Tag in der Onkologie. Mittags habe ich mich in der Notaufnahme vorgestellt, meinem zukünftigen Arbeitsplatz. Wurde dort sehr freundlich empfangen, das lässt hoffen. Ich werde dann kommende Woche hoffentlich nur Gutes zu berichten haben. Rein fachlich dürfte es auf jeden Fall schon mal vielfältiger und auch interessanter werden. Leider darf ich keine Scrubs tragen sondern muss weiterhin in Hemd und Hose antanzen.
(Drittens: In Hemd und Hose zur Arbeit gehen.)

Ich arbeite.
Dieses Bild dient als Beweis, dass ich auch wirklich arbeite. Betrachten wir es etwas näher.
1. Das Lächeln. Es gibt nicht viel zu lachen auf der Onkologie, es sei denn, es ist Dein letzter Tag. Es IST mein letzter Tag.
2. Der Kaffee. Eingeweihte wissen, dass es nicht meiner sein kann, aber damit gehöre ich wie in Deutschland zur absoluten Ausnahme: Kaffeejunkies gibts in jedem Krankenhaus.
3. Die Handtasche. Nicht meine.
4. Die hochgekrempelten Ärmel. Signalisieren Arbeitsbereitschaft und sind megalässig.
5. Die Akte. Verschreibe gerade eine Stange Oxycodon ausm Duty Free am Kingsford Smith.
6. Das Stethoskop. Wenn man keine Kitteltasche hat, muss man es halt woanders hinhängen. Der Hals im Allgemeinen bietet sich an. Ist außerdem das Stigma der Ärzte- und Studentenschaft.

Ich versuche weiterhin, der nächste Kelly Slater zu werden. Ich habe aber mittlerweile das Gefühl, dass ich dafür a.) zu alt und b.) zu untalentiert bin. Ziel ist es aber weiterhin, wenigstens einmal in der Tube von einem Hai verfolgt zu werden. Sollte ich mein Ziel erreichen, werde ich das umgehend twittern.
Ich überlege immer noch, ob ich die Harbour Bridge für den stolzen Preis von ca 160 bis 200 Dollar erklimmen sollte. Denke aber, dass ich stattdessen lieber ordentlich lecker Essen gehe. So wie zum Beispiel neulich.

Tausendjährige Eier mit Tofu und Pork Floss
Das Bild auf der rechten Seite zeigt nicht etwa vergammelte Eier und haarigen Tofu. Nein. Es handelt sich um tausendjährige Eier (also irgendwie schon vergammelt) mit Tofu und Pork Floss. Ich war jetzt nicht gerade begeistert, genau genommen haben mir nur die tausendjährigen Eier geschmeckt. Der Tofu und das Pork Floss waren ... interessant. Ich war seither noch ein paar Mal asiatisch essen, habe aber beschlossen, keine Experimente mehr zu wagen. Dafür ist das Essen dann doch zu teuer. Außerdem hingen mir Teile des Pork Floss noch zwei Tage später zwischen den Zähnen und meine Zunge fühlt sich seltsam an. Danke an dieser Stelle an Matze für die Hilfe bei der Indentifizierung dieser "Delikatesse".

Heute bin ich mit Freunden ein wenig durch die Innenstadt gewandert, habe unter anderem eine Lüneburger Bakery entdeckt. Zu meiner Überraschung sind die Angestellten wirklich Deutsche und haben sich als Düsseldorfer zu erkennen gegeben. Man kann neben verschiedenen Broten Berliner (Pfannkuchen!) und Spritzkuchen kaufen, beide für jeweils 2,50 das Stück. Ich konnte trotzdem nicht widerstehen und habe gekostet. Ich glaube, die Dinger werden tiefgekühlt importiert. Schweinerei.
Es gibt im Stadtteil the Rocks auch ein Hofbräuhaus. Dort waren wir vor etwa drei Wochen und ich habe gemerkt: Was man zu Hause nicht ausstehen kann, mag man auch in der Ferne nicht. Immerhin wars relativ authentisch mit echter bayrischer Blosmusi (vgl hierzu http://bar.wikipedia.org/wiki/Blosmusi). Ab heute steigt dort auch das obligatorische Oktoberfest.
Unser heutiger Spaziergang führte uns unter anderem auch nach Miller's Point, einem Stadtteil westlich der Harbour Bridge. Von dort hatten wir einen ziemlich guten Blick auf die Brücke, den ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte.
Harbour Bridge und North Sydney
Die Harbour Bridge ist, wie schon früher erwähnt, viel netter anzuschauen als das Opera House. Sie wurde 1932 nach acht Jahren Bauzeit eröffnet und verbindet den Norden und den Süden Sydneys. Einmal anstreichen dauert etwa zehn Jahre, einmal überqueren etwa 25 Minuten.
Ich werde mich wie oben erwähnt demnächst wieder melden. Ich verspreche auch, bis dahin mal ein Museum zu besuchen und nicht immer nur zu futtern und am Strand zu hocken. Ich würde mich über Kommentare freuen und hoffe, dass in Deutschland noch alles in Butter ist und meine zunkünftigen Mitstreiter im wundervollen Idar-Oberstein die Ärzte schon mal gnädig stimmen. Bis dahin beglücke ich Euch mit einem letzten ornithologischen Schmankerl und winke fröhlich gen Europa.


Random Bird.
Benni

PS: Sie singen immer noch. Ich bin sooooo hungrig :-(

1 Kommentar:

  1. Benni, das sieht schon sehr professionell aus auf dem Bild!(Nur die Handtasche stört etwas,ha,ha).
    Das Essen sieht im ersten Moment lecker aus, kann aber vestehen, daß Du nicht begeistert warst.Aber wie sagt man:Hunger treibt's rein! Die Brücke ist ein tolles Bauwerk.Bleib lieber auf dem Teppich bzw. auf der Erde - wer weiß ob Du soo schwindelfrei bist! Der Vogel gefällt mir. Er sieht so stolz aus. Versuche, ihn zu lieben!
    Ich wünsche Dir eine bessere zweite Halbzeit in der Klinik und noch viel Spaß in Deiner Freizeit. Liebe Grüße Oma

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